Wir sind gekommen, um IHNEN zuzuhören!

Erinnerungen von Zeitzeugen öffnen Türen zu einer vergangenen Welt. Das haben auch die Schüler und Schülerinnen der AHE 13b erkannt und machten sich auf den Weg in das St.Katharinen-Stift, um einige der letzten Zeitzeuginnen des Nationalsozialismus zu interviewen. Unter dem Leitsatz „Wir sind gekommen, um IHNEN zuzuhören“ haben fünf Bewohnerinnen unsere Einladung zum Zuhören angenommen.

Der Geschichtskurs der AHE 13b hat sich in den letzten Schulwochen vor ihren Abiturprüfungen (Februar, März 2019) ein besonderes Projekt vorgenommen: Sie wollten Geschichte persönlich erfahren und ein weiteres Mal in Coesfeld auf Spurensuche gehen, nachdem sie sich bereits in mehreren Arbeitsphasen, vor allem in der AHE 12, mit der Abschaffung von Demokratie während des Nationalsozialismus (1933-1945) in Coesfeld beschäftigt hatten. 

Schnell war eine Idee gefunden: Wir gehen zu unseren Nachbarn und Nachbarinnen in das St.Katharinen-Stift Coesfeld und führen Zeitzeugeninterviews mit interessierten Bewohnern und Bewohnerinnen durch. In der heutigen immer schneller und medialen werdenden Zeit wollten sie bewusst Zeit Menschen schenken, die Schlimmes während der Zeit des Nationalsozialismus hier im Coesfelder Raum erlebt haben. Bevor die Erzählungen historisch ausgewertet werden konnten, mussten die Schüler und Schülerinnen der AHE 13b vor allem eines: Zuhören lernen. Deswegen entschieden sie sich dafür, die Interviews mit den fünf Bewohnerinnen zunächst aufzunehmen und im Anschluss abzutippen.

Zeitzeugeninterview- Helene Böhnke (*1927) - „Wir sind hier, um Ihnen zuzuhören“

„Eine schöne Erinnerung habe ich aus dieser schrecklichen Zeit nicht“, so Helene Böhnke (geb. Feldkamp). Über 120 Minuten spricht Helene Böhnke mit uns über ihre Erfahrungen während der NS-Zeit.

Während des Gespräches berichtet sie uns von ihrer jüdischen Freundin, die sie „Meine Jennie“, zu nennen pflegt.

„Ich und Jennie wurden 1933 eingeschult, wo Hitler schon gewählt wurde. Und kurz darauf kam meine Jennie nicht mehr zur Schule.“ Die Zeitzeugin berichtet vom Neid, den sie als Kind gegenüber ihrer jüdischen Freundin empfindet. Fast schon entschuldigend spricht sie von der kindlichen Naivität, aufgrund welcher die damals 6-Jährige das plötzliche Verschwinden ihrer Schulfreundin nicht hinterfragte. „Außerdem wurde auch einfach nicht darüber gesprochen“, so Helene Böhnke.

Weiterhin berichtet die Zeitzeugin von ihren heimlichen Ausflügen in das benachbarte Haus ihrer Freundin Jennie: „Jeden Sonntag war in der Kirche für Kinder Christenlehre. Und Jennie musste ja nicht zur Kirche und die brauchte nicht mehr zur Schule und die habe ich beneidet. Also bin ich oft zu ihr hingegangen.“ Verbotenerweise besucht die Zeitzeugin lieber ihre jüdische Freundin Jennie, anstatt zur Christenlehre zu gehen. „Ich war gerne da. Auch vielleicht viel aufgrund meines kindlichen Egoismus. Dort gab es auch im Herbst schon Spekulatius und Apfelsinen. Ich wusste ja gar nicht, dass es diese auch außerhalb von Nikolaus gab. Und es gab Kindertischchen und -stühlchen. Wir zuhause hatten so etwas ja nicht. Wer nicht an den Tisch kam, der musste sich auf den Stuhl knien, damit er oben drankam. “

Ihr Vater jedoch traut Helene Böhnke nicht: „Ich war kein braves Kind“- so die 92-Jährige über sich selbst. So erfährt ihr Vater von ihren heimlichen Besuchen bei der benachbarten Familie. „Ich kam wieder nach Hause. Da fragt Vater: ´Wie war´s denn? Was hat der Pater denn gefragt? ´ Ja, und da war ich noch nicht raffiniert genug. Und da bin ich vom Vater so verhauen worden. Und er hat bei jedem Schlag gesagt: „Du kriegst nicht die Schläge, weil du bei Jennie warst, sondern weil du mich angelogen hast.“

Zu späterem Zeitpunkt berichtet die Zeitzeugin von mehreren Verhaftungen ihres Vaters, welche er seiner Tochter Helene Böhnke zu verdanken hatte. Denn aufgrund ihrer jüdischen Kontakte wurde die Lehrfähigkeit des Vaters (Lehrer am Gymnasium) stark angezweifelt.

Helene Böhnkes Vater tritt zu späterem Zeitpunkt -unter dringender Bitte seiner Frau und dem Druck der Außenstehenden- der Partei bei. Denn aufgrund seines Lehrberufs, war es der Regierung wichtig, dass auch der nächsten Generation bereits „die richtigen Werte“ weitergegeben werden. Zuvor schrieb er bereits schon einmal einen Antrag, um sicherheitshalber Mitglied der Partei zu werden. Denn auch die meisten seiner Kollegen waren bereits Mitglieder, vor allem um gerade als Lehrer, größere Schwierigkeiten zu vermeiden. Der Vater jedoch wurde aufgrund seines Engagements in der katholischen Kirche als nicht würdig empfunden. Schmunzelnd und mit stolzem Unterton berichtet die Zeitzeugin von der Reaktion ihres Vaters auf diese Nachricht: “Da erzählte Vater: ´Eine größere Freude hätten sie mir nicht machen können. ´"  

Aus ihren Erzählungen kann deutlich ihre starke Ablehnung den Nazis und der damaligen Regierung gegenüber herausgehört werden.

Als wir die Zeitzeugin nach ihrer schrecklichsten Erinnerung aus dieser Zeit fragten, muss diese nicht lange überlegen. „Der weinende Junge vor dem demolierten Haus.“ Helene Böhnke berichtet von dem Schock, den sie aufgrund dessen bereits morgens auf ihrem Schulweg erfährt. Bei diesem Vorfall handelt es sich um den Morgen nach der Kristallnacht. Aufgrund der zerbrochenen Fenster, denkt die Zeitzeugin es wäre eingebrochen worden und sorgt sich um den jüdischen Nachbarsjungen, der weinend neben seinem demolierten Heim steht. Als dann auch noch ein anderer Junge etwas aus dem zerbrochenen Schaufenster stiehlt, schreit die Zeitzeugin um Hilfe.  Sie versteht die Welt nicht mehr. „Das waren doch liebe Menschen, bei denen es immer leckeres Essen gab.“

Unter Unverständnis und mit deutlich angewidertem Klang in der Stimme berichtet die Zeitzeugin von einer beistehenden Schulklasse: „Der Lehrer gab das Kommando: ´drei, vier` woraufhin die Schulklasse einstimmig rief: ´Judas verrecke!`“ Helene Böhnke, die selber in einer Familie großwurde, die sich mit den Werten des Nazi Regimes nicht identifizieren konnten, spricht mit Fassungslosigkeit von der Intoleranz vieler Mitbürger.  "An diesem Tag wurden Häuser der Juden aufgebrochen, Möbel zerstört, Fenster zerbrochen und Synagogen in Brand gesetzt. Ich erinner mich noch genau an die großen Löschaktionen, die jedoch den Brand der Synagoge außer Acht ließen und nur dafür sorgten, dass die benachbarten Häuser kein Feuer fingen, bis schließlich die gesamte Synagoge abgebrannt war," so berichtet die Zeitzeugin über die Kristallnacht.

Die Familie Helene Böhnkes vertritt den Glauben und die Werte der damaligen Regierung nicht. Oft erzählt die Zeitzeugin von den benachbarten jüdischen Familien, die fast schon in einer freundschaftlichen Beziehung zu den Feldkamps stehen. Eine dieser Familien organsiert sogar die Taufe der Zeitzeugin. Da diese zu früh auf die Welt kommt, hat die Familie selbst nicht ausreichend Zeit, eine Taufe für die neugeborene Tochter auf die Beine zu stellen. Die benachbarte, jüdische Familie kommt zur Hilfe: "Wir wissen, dass in Ihrer Religion es üblich ist, dass nach drei Tagen das Kind getauft wird. Und dieses Kind- das war ich- soll genau die gleiche Tauffeier haben, wie Ihre anderen Kinder." So berichtet die Zeitzeugin. Wieder einmal wird deutlich, dass Helene Böhnke als Kind in dem Glauben erzogen wurde, dass auch die Juden "normale Bürger" waren - "wenn auch oftmals wesentlich wohlhabender", schmunzelt Frau Böhnke mehrmals.

Als nun die Zeit Hitlers kam und auch die befreundete Familie abtransportiert werden soll, zeigt sich erneut die Einstellung der Familie Böhnke. Die Zeitzeugin berichtet von einer Erzählung ihrer Mutter: Da die jüdischen Familien keine Daunen-, sondern nur Wolldecken mitnehmen durften, bietet die jüdische Mutter Helenes Mutter eines späten Abends den Tausch ihrer Daunendecken gegen die Wolldecken der Familie Böhnke. Als es an der Tür klingelt, versteckt Mutter Böhnke die jüdische Nachbarin im Badezimmer, wo sie unauffällig aus dem kleinen Fenster klettern könne, falls die Gestapo bereits nach ihr suche. Glücklicherweise steht an der Tür nur die aufgelöste Tochter, die ihre Mutter mit dem Hintergedanken sie könnte bereits abtransportiert worden sein, sucht.

Heute noch spricht Helene Böhnke mit größtem Unverständnis über die Intoleranz den jüdischen Mitbürgern gegenüber. Desweitern erwähnt sie auch des öfteren, wie unverständlich und eigentlich auch unlogisch der Hass den Juden gegenüber auch damals schon zu sein schien: "Das ulkige war, mit Juden durften wir spielen, aber mit Evangelen nicht. Wir haben die verkloppt, wenn die auf unseren Schulhof kamen. Wir haben aber auch Kloppe gekriegt." Mit einem Grinsen auf den Lippen schüttelt die 92-jährige den Kopf bei der Erinnerung an diese früheren Zeiten. Helene Böhnke berichtet von ihrer Erkenntnis in der Schule: "Und dann hab´ ich beim Sportunterricht in der Umkleide gemerkt, dass wir alle gleich aussehen und gedacht: Jetzt erklär mir doch mal einer den Unterschied! ...So bekloppt wurde man früher erzogen."

Erst Jahrzehnte später erfährt die Zeitzeugin, was mit ihrer Jennie passiert ist: "Als ich später zurück nach Ahaus zog, besuchte ich mit meiner Schwester eine größere Ausstellung über die damaligen Juden. Dort hing auch ein Bild meiner drei-Jahre- älteren Schwester und ihrer jüdischen Freundin und Informationen über die Familie meiner Freundin Jennie." Demnach seien der Vater und Jennie´s Schwester nach Holland geflüchtet, während die Mutter und Jennie im Industriegebiet versteckt gehalten, jedoch zu späterem Zeitpunkt von Deutschen verraten und im KZ umgebracht worden seien. Der Sohn sei spurlos verschwunden.

Während des gesamten Gesprächs beteuert Helene Böhnke immer wieder, wie wichtig es sei, über diese grausame Zeit zu sprechen, "gerade jetzt, wo sich scheinbar alles wiederholt". Hiermit verweist die Zeitzeugin auf die wachsende Intoleranz unsere Gesellschaft z.B. durch die AFD. Und benennt das fehlende Wissen über die NS-Zeit als einer der Gründe, weshalb solche Parteien es überhaupt soweit schaffen würden.

Sie selber behauptet von sich: "Seit dieser Zeit steht Toleranz bei mir an oberster Stelle- kann einer glauben, was er will. Wenn einer ein anständiger Mensch ist, hat er die gleichen Rechte und darf nicht anders angeguckt werden."

Dieser Meinung können wir uns nur anschließen und sind dankbar für diese detaillierte und bewegende Erzählung. Eine Erzählung mit der Helene Böhnke ein Stück weit gegen das Vergessen und die neu aufkommende Intoleranz in der heutigen Gesellschaft kämpft.

Zeitzeugeninterview Frau Nowara

Zeitzeugeninterview Frau Plesker, Teil 1

Zeitzeugeninterview Frau Plesker, Teil 2

Zeitzeugenbefragung einer 95-jährigen Coesfelderin, die namentlich ungenannt bleiben möchte.

Zeitzeugenbefragung Frau Gorschlüter

Wir bedanken uns herzlich für die überaus offene und gute Kooperation bei Frau Neisemeier (Leiterin Sozialer und therapeutischer Dienst) sowie bei den fünf Teilnehmerinnen unserer Interviews!