Tansania Bericht 2012 

Schon das dritte Mal durfte ich ins Massailand in Tansania reisen und an „unserer“ Schule weiterarbeiten. Es fühlt sich mittlerweile fast so an, als ob man nach Hause kommt. Tansania, die Wiege der Menschheit, ist auch irgendwie eine zweite Heimat für mich geworden. Loiborsiret, ein Massai-Dorf in der Simanjiro-Ebene, ist nicht nur ein Name, sondern man verbindet viel Arbeit, Herzblut und einige liebgewonnene Menschen damit.

Vielleicht liegt es aber auch daran, dass ich jetzt ein Patenkind in Tansania habe, dass ich noch einen stärkeren Bezug zu meiner zweiten Heimat habe?

Mein Patenkind Munanu Lopono ist Halbwaise, der Vater wurde wegen Landstreitigkeiten vergiftet. Der Täter ist unbekannt. Ihre Mutter Kadogo Lopono (eine junge Frau in ihren 20ern) arbeitet in Arusha. Munanu wohnt zusammen mit ihren Halbgeschwistern und der zweiten Frau ihres Vaters bei ihrem Onkel (einem Bruder des Verstorbenen).

Ich kenne Munanu seit sie ca. 4 Jahre alt ist. 2010, als ich das erste Mal in Tansania war, spielte Munanu mit ihrer besten Freundin immer in der Nähe der alten Schule.

Sie wollte immer gerne am Unterricht teilnehmen, war aber viel zu jung.

In unseren Arbeitspausen am Rohbau der Schule gingen wir immer wieder zur Schule, um in den Unterrichtspausen mit den Kindern zu spielen. Munanu war trotz ihres Alters überhaupt nicht schüchtern und zeigte keine Angst vor einem Mzungu (Weißen).

Ballspiele und Spiele mit einem Sprungtuch waren eine willkommene Abwechselung im Alltagsleben eines Massaimädchens, das keine Spielsachen besitzt. Vielleicht half die Tatsache, dass bei uns immer Luftballons und Bonbons zu bekommen waren, auch bei unserer Beliebtheit…

Mittlerweile ist Munanu 6 Jahre alt und ein fleißiges Schulkind. Ihre Mutter kann das Schulgeld nicht aufbringen. Munanu müsste die Schule verlassen, wenn ich die 60€ Schulgeld im Jahr nicht für sie bezahlen würde.

Die Schwestern haben die Gebühren absichtlich niedrig gehalten, so dass sich viele Massai eine Schulbildung leisten können. Wenn die Schule jedoch kostenlos wäre, dann würde die Wertschätzung für ihre Arbeit fehlen. Auf Dauer kann und soll sich die Schule auch selber finanzieren. Für mich sind das ohne Zweifel nachvollziehbare Argumente. Im Moment möchte ich mit meinem bescheidenen Beitrag jedoch ein bisschen Hoffnung auf eine bessere Zukunft durch Bildung geben und vermeiden das Munanu ihr größter Wunsch verwehrt wird.

Vielleicht schaffe ich es ja dadurch, dass meine zweite Heimat Tansania auf Dauer ein Gesicht bekommt?

 

2. Teil des Berichtes

Wenn man bedenkt, wie die alte Schule 2010 aussah, dann hat sich sehr viel in Simanjiro verändert...

Es wird aber auch noch einige Zeit dauern, bis sich andere Sachen ändern...

Die Massaimänner haben traditionell immer noch die einzige Entscheidungsgewalt, wenn wichtige Stammesangelegenheiten zu regeln sind.

Frauen müssen diese Entscheidungen widerstandslos akzeptieren.

Das gilt für alle Bereiche...

Einigen Kindern werden auch heute noch im Kleinkindalter kreisrunde Brandzeichen auf die Wangen gebrannt (linkes Foto) oder mit Rasierklingen Zeichen eingeritzt.

Früher wurden diese Zeichen benutzt, um die Kinder vor arabischen Sklavenjägern zu schützen, die eher "einwandfreie Ware" bevorzugten und dann andere Kinder entführten.

Schutzzeichen, die vor bösen Geistern schützen sollen, dienen heute unter anderem noch als Erklärung für den aktuellen Gebrauch dieser Zeichen.

In einem Buch, das lokale Massaimädchen verfasst haben, wurde die Anwendung dieser Praktik damit begründet, dass die Babies aufhören zu weinen, wenn Tränen in die frisch geritzten Wunden laufen.

Die Babies sollen so lernen, dass Weinen den Schmerz nur verschlimmert.

Mädchen werden auch heute noch aus Schönheitsgründen die unteren Schneidezähne gewaltsam entfernt (rechtes Bild), so dass das Gesicht schmaler wird.

Jungen sollen durch diese künstliche Zahnlücke besser pfeifen können, was ihnen die Arbeit beim Viehhüten erleichtern soll.

Teilweise werden Massaimädchen auch heute noch beschnitten. Darüber spricht man aber nicht.

Die Väter der Massaikinder entscheiden jeweils, ob und welche dieser traditionellen Praktiken noch angewandt werden.

Langsam setzt aber auch hier ein Wandel ein. Ein Mädchen berichtete im oben erwähnten Buch, dass sich ihr Vater davon überzeugen lies, die "mbwata" (Herausschlagen der unteren Schneidezähne) nicht anzuordnen, da sie sonst nie fehlerfreies Englisch  ("th") sprechen könnte.

(Schul-) Bildung und Aufklärung können das Leben, vor allem der Massaimädchen, entscheidend verbessern.

Ein erster Schritt ist mit dem Schulbau getan, es liegt aber noch viel Arbeit vor den Schwestern vor Ort und uns, den deutschen Unterstützern des Projektes.

 

3. Teil des Berichtes

Eigentlich hatten wir geplant, dass wir dieses Jahr einen medizinischen Schwerpunkt setzen, da mit meiner Kollegin Brigitte Rohls eine ausgebildete medizinische Fachkraft mit nach Tansania fahren sollte.

Durch den sehr erfolgreichen Sponsorenlauf an unserer Schule und viele andere Spendenprojekte wurde durch Einzelpersonen von Schüler- und Lehrerseite, aber auch durch ganze Klassen jedoch genügend Geld gesammelt, so dass mit dem Bau von zwei neuen Klassenräumen durch einen lokalen Bautrupp begonnen werden konnte.

Die Schule hat sich in kurzer Zeit einen sehr guten Ruf erarbeitet und erfreut sich großer Beliebtheit. Wenn man bedenkt, unter welchen Bedingungen die Schülerinnen und Schüler noch vor zwei Jahren lernen mussten...

...dann grenzt die heutige Schulsituation fast schon an ein Wunder.


Es ist schön zu sehen, dass die Schule wächst. Die diesjährige Tansania-Projektgruppe hatte deshalb auch wieder genügend Arbeit zu bewältigen, um das Schulbauprojekt entscheidend voranzubringen.

Zunächst wurden die mitgebrachten Spenden, Materialien und Werkzeuge geordnet...

...bevor der erste (Bau-) Job zu erledigen war.

Fledermäuse hatten sich unter dem Schuldach häuslich niedergelassen und es droht, dass das Dach die Last der gewaltigen Mengen an Kot auf Dauer nicht aushalten wird.

Die Fledermäuse zwängen sich durch die kleinsten Lücken und sind nicht bereit ihre "Luxusherberge" aufzugeben. Alle möglichen Einstiegslöcher baulich zu beseitigen, war ein Ding der Unmöglichkeit, so dass wir uns schließlich damit abfinden mussten, den Fledermäusen den Einstieg möglichst schwierig zu gestalten. Wenn jemand eine dauerhafte Lösung für dieses Problem weiß, bitte bei mir melden...


Fotos:  G. Emmerich
Text: G. Emmerich