Reflexionen über den Tod und über die Trauer aus islamischer Sicht

Am 07. März sprach Saniye Özmen, islamische Theologin und Dialogbeauftragte für den interkulturellen und interreligiösen Dialog, in der Liebfrauenschule über das Thema Tod und Trauer im Islam. Über 50 Studierende der Schule nahmen an dem Vortrag teil. Das Team der „Kuchenstraße eins fünf“ hatte diese Veranstaltung vorbereitet. Die „Kuchenstraße eins fünf“ ist ein kleines Haus der Begegnung zwischen Schülern und Lehrern der Liebfrauenschule sowie Gemeindemitgliedern der Stadt Coesfeld, ein „Andersort“. Viele Aktionen finden in diesem Haus statt.

Die islamische Theologin erläuterte, wie Muslime mit den Themen Sterben, Tod, Trauer, Jenseits umgehen. Saniye Özmen stellte die Grundzüge der islamischen Lehre vor und ging auf die muslimische Trauerbegleitung ein. Neben dem Glauben an den einen Gott ist nach dem Koran der Glaube an ein Leben nach dem Tod von zentraler Bedeutung und steht für die Erlösung des Menschen an oberster Stelle. In sehr tiefgehender Weise erläuterte sie den Tod als Rückkehr der Seelen zu Gott: „Im Islam ist der Tod eine Rückkehr zum Ursprung. Der Geist, der uns einmal in die Gebärmutter von Gott eingehaucht wurde, entweicht und kehrt zu ihm zurück. Unser Körper, der einmal aus der Erde erschaffen wurde, wird der Erde übergeben und unsere Seele, die durch einen Scheidungsakt Gottes entstanden ist, kehrt zur unmittelbaren Wahrheit Gottes zurück“.

Sie gab den Studierenden eine Sure an die Hand, die auch Nicht-Muslime rezitieren können. Einige Studierende stellten Ähnlichkeiten mit dem Christentum fest. Saniye Özmen machte deutlich, dass beide Religionen den Frieden suchen - mit sich, mit der Umwelt, mit Gott. Nur der Weg dorthin sei ein anderer.

Im zweiten Teil beschrieb sie sehr ausführlich die Trauerriten. Die Studierenden zeigten sich sehr interessiert und stellten viele Fragen, sodass es zu einem sehr tiefen und kritischen Austausch kam. Ein Unterschied zum Christentum besteht darin, dass Sterbende nicht durch einen Priester begleitet werden. Jedes Familienmitglied kann dies übernehmen. Frau Özmen zitierte Sure 36. Der Sterbende wird an die Schahada (Glaubensbekenntnis) erinnert. Die Angehörigen sind verpflichtet, bestimmte Riten zu vollziehen: Falls möglich wird der Sterbende mit dem Gesicht Richtung Mekka gebettet. Die Lippen des Sterbenden werden von Zeit zu Zeit mit Wasser benetzt. Nach Eintreten des Todes werden die Augenlider geschlossen, die Hände an die Seiten gelegt, die Kleider ausgezogen und der Leichnam mit einem weißen Laken zugedeckt. Danach wird der Tod bekannt gegeben. Viele Muslime werden nach dem Tod in die Heimat überführt und dort begraben. Andere wählen in ihrer neuen Heimat eine Ruhestätte.

Nach Eintritt des Todes wird der Verstorbene innerhalb von 48 Stunden bestattet. Vorher wird eine Ganzkörperwaschung vorgenommen. Die Studierenden waren von der Art der Darstellung und der Lebendigkeit der Theologin sehr angetan. Sie demonstrierte anhand einer Puppe, wie der Verstorbene in Leichentücher gehüllt wird. Anschließend sprach sie das Totengebet. Die Bestattungsriten sind prägende Merkmale aller menschlichen Kulturen. In ihnen drückt sich die Beziehung zum Jenseits aus. Die Pflichten und Regeln gegenüber den Sterbenden, während der Beerdigung und in der Trauerzeit, können den Hinterbliebenen Trost und Seelenruhe schenken. Feste Trauerzeiten kennt der Islam nicht. Die Studierenden gingen sehr informiert und mit tiefen Eindrücken aus dieser Veranstaltung.

 

Text und Fotos:  K. Dederichs, Schulseelsorgerin der Liebfrauenschule Coesfeld